Wenn Mädchen Frauen werden und was dabei oft auf der Strecke bleibt
Seit 14 Jahren höre ich Menschen zu. Vorwiegend Frauen. In meinen Kursen, an Workshops und wirklich gerne belausche ich auch Gespräche von Fremden. Ganz spannend finde ich es, wenn sie erzählen, wie es ihnen so mit zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren erging. Was war prägend in dieser Zeit? Was schrecklich? Was grandios?
Die erste Mens und hoffentlich merkt es keiner
Eine junge Mutter hat mir letzthin erzählt, wie sie ihre erste Mens in der ersten Unterrichtsstunde in der Oberstufe bekam. Neue Lehrperson, neue Klasse. In der kleinen Pause hastete sie zur Toilette, stopfte Toilettenpapier in die Unterhose und hoffte, dass niemand etwas merkte. Sie habe sich noch nie derart angespannt und ausgeliefert gefühlt und wollte nur noch heim. Sie wolle ihrer Tochter andere Werkzeuge mit an die Hand geben, als sie damals hatte.
Hilfe Frausein – Und was, wenn ich ein Kind bleiben will?
Eine Frau, nennen wir sie Petra, mit der ich vor etlicher Zeit ein Interview durchführen durfte, erinnerte sich an Folgendes:
Mit elf Jahren bekam sie ihre erste Mens. Ihre Mutter gratulierte ihr überschwänglich zu ihrem «Frausein». Bei Petra löste dieser Satz Panik aus. Sie wollte noch keine Frau sein. Sie wollte spielen, und ganz sicher nichts von dem machen, was Frauen und Männer manchmal zusammen machen. Beim Mittagessen schaute sie auf ihren Teller. Und beschloss, weniger zu essen. Und zwar so wenig, dass sie bald nicht mehr zunahm, nicht mehr weiterwuchs, damit sie ja nicht zur Frau wurde. Sie begann übermässig viel Sport zu treiben. Ihre Mens blieb irgendwann ganz aus. Sie war glücklich darüber. Dieser für sie sehr schwierige Einstieg ins Frausein war der Beginn von etwas, das später einen Namen bekam: Bulimie.
Wenn unsichtbar sein sicherer ist
Eine alte Freundin brachte diese Geschichte mit in einen Kreis:
Die Lehrerin stellte eine Frage, sie kannte die Antwort. Sie kannte alle Antworten, auf alle Fragen, in allen Fächern. Aber sie hob die Hand nie. Weil sie zwischen acht und zehn Jahren im Familienumfeld gelernt hatte, dass unsichtbar sein sicherer ist für sie.
Wir alle haben unsere Geschichte
Drei Frauen und drei völlig unterschiedliche Wege ins Erwachsenwerden. Und doch eine gemeinsame Linie: Der Übergang vom Mädchen zur Frau war für sie nicht ein Aufblühen, sondern ein Moment, in dem sie begannen, sich kleiner zu machen.
Wenn du mit Mädchen arbeitest oder selbst Mutter bist, kennst du vermutlich etliche Facetten davon: Mädchen, die sich vergleichen. Die an sich zweifeln. Die sich kleiner machen, als sie sind. Du siehst diese wunderbaren, verspielten, eigensinnigen, leuchtenden, unverbrauchten Geschöpfe und denkst: «Weisst du eigentlich, wie grossartig du bist?»
Und dann liest du Zahlen wie diese: Das Selbstvertrauen junger Mädchen erreicht mit etwa 8 Jahren seinen Höhepunkt und sinkt danach oft kontinuierlich ab. Viele verlieren zunehmend den Glauben an ihre Fähigkeiten und an ihre innere Stärke. What the f*ck! Das erschüttert mich.
Mädchen brauchen uns
Sollte das nicht ein Weckruf sein für alle, die mit Mädchen zu tun haben? Für Pädagoginnen, Hortnerinnen, Sozialarbeiterinnen, Yogalehrerinnen, Kursleiterinnen, Therapeutinnen, Mütter - und alle Frauen, die Mädchen an ihre innere Stärke erinnern möchten. Mädchen ins Frausein zu begleiten, beinhaltet mehr als den Umgang mit der ersten Mens. Es ist so ein grosses, weites Feld. Wir dürfen uns immer wieder bewusst machen, wie verletzlich diese Phase, ja, vielleicht dieses ganze Menschsein ist.
Mädchen brauchen Frauen, die ihnen zeigen: Es ist sicher, gross zu sein. Es ist sicher, die Hand zu heben. Es ist sicher, im eigenen Körper zu wohnen.
Wenn du jetzt denkst: «Aber es braucht doch auch selbstsichere Jungs!» Jawohl, klar braucht es die auch. Und ich hoffe fest, dass es da draussen ein paar tolle Männer gibt, die Jungs darin begleiten, Männer zu werden. Das ist keine Kleinigkeit, und doch ist es das Sinnvollste, was wir für unsere Kinder tun können. Denn:
«It’s easier to build strong children than to repair broken adults.»
Mit diesem Artikel möchte ich dich einladen, hinzuschauen: auf die Mädchen in deinem Leben, und vielleicht auch auf das Mädchen, das du einmal warst.
Wenn du Lust hast, nimm dir Stift und Papier zur Hand und schreib ein paar Sätze dazu auf: Wovon hast du als 10-Jährige geträumt? Welche Wünsche hattest du mit 12 an dein Leben? Und jetzt – was würdest du deinem 14-jährigen Ich sagen?
Wir alle haben unsere Geschichte.
Und das ist ok so.

Hoi, ich bin Josianne,
die Frau hinter Quittenduft. Als Menstruationskundige und Zykluscoach gebe ich seit über 10 Jahren mein Wissen rund um den weiblichen Zyklus weiter. So auch hier auf meinem Blog, der dich dabei unterstützen soll, besser zu verstehen, was es mit dem zyklischen Leben auf sich hat. Mal nachdenklich, mal frech, mal superklug – aber immer bloody lesenswert.
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