Meine (fast) ungefilterten Gedanken zur Perimenopause
Alles startete vor 4 Jahren mit einem scharfen Schmerz im rechten Ringfinger. Mir wurde heiss, dann kalt, das Herz raste. Ich starrte auf meinen Finger und konnte zusehen, wie er blau wurde. Kurze Panik, kein Plan, was das war. Anruf bei Mama, die lachte: Geplatzte Äderchen. Ihre Mutter, meine Grossmama, hatte das auch ab und zu. In den Wechseljahren. IN DEN WECHSELJAHREN. Der blaue Finger also war mein Startschuss. Das kann ja heiter werden, dachte ich. Und das wurde es auch. Heiter bis düster, das volle Programm. Und es ist erst Halbzeit.
Was folgte, könnte man so zusammenfassen: öppis isch anderscht.
Ich stellte ein in der russischen Taiga gefertigtes Birkenrindengefäss auf meinen Schreibtisch, welches ich in Guttannen an einem Markt gekauft habe. Jedes Mal, wenn ich öppis isch anderscht bemerkte, schrieb ich eine kurze Notiz und warf sie ins Gefäss.
30.12.22: Hochgradig verletzlich und verletzt. Zyklustag 5.
Ambiguität – das Wissen um die Gleichzeitigkeit der Dinge is saving my ass (Danke Felizitas und Sabine!). Dieses Sowohl-als-auch treibt mich nämlich in den Wahnsinn.
Mein Geduldsfaden und meine Zündschnur sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich kann so schnell von der einen Seite zur anderen switchen, wie Lucky Luke die Münze werfen konnte. Ich bin milder gegenüber meinen Mitmenschen, weicher, empathischer, irgendwie auch sanfter geworden in meinen Urteilen. Denn wer bin ich schon, um irgendjemand für eine Entscheidung zu bewerten?
Selbst bei den machthungrigen Idioten, die gerade am Werk sind, interessiert mich ihre Geschichte. «Excuse me, Sir, how did YOU become an asshole?».
Zurück zur Medaille: Ich habe also mehr Verständnis, und gleichzeitig haben mich noch nie so viele Leute so wütend gemacht. Die Spannweite von «Menschen sind beschissen» zu «ich will die alle kennenlernen, mich berühren und verzaubern lassen» ist sehr gross. Gymnastik konnte ich noch nie, doch jetzt wäre eine emotionale Spagatfähigkeit sehr hilfreich.
7.1.23: Müssen wir es schönreden? Oder können wir einander einfach zuhören und benennen, dass es gerade ist, wie es ist?
Ich wäre so froh, wenn all meine Zweifel ausschliesslich nur noch in Form von Paprikachips daherkämen. Ich will wieder Motorrad fahren. Anfang 20 war ich eine heisse, harmlose Motorradbraut, die wochenlang in den Alpen rumgecruised ist, meistens alleine. Peinlichster Moment: Meine laut röhrende 125-er Honda Shadow, die es kaum auf die Passhöhe des Susten schaffte, die Rennvelofahrer neben mir praktisch gleich schnell wie ich. Zum Glück sah man mir unter dem Helm die Schamesröte nicht an – frische Bergluft, und Josianne verpestet und verlärmt die Idylle wie Sau mit ihrem altersschwachen Klappertöff.
Meine Tochter fragt mich wöchentlich, warum ich mir noch kein Motorrad gekauft habe. Soll ich, oder soll ich nicht? Kaufe ich keines, weil ich schlicht Angst davor habe, was mir Schlimmes passieren könnte? Kaufe ich keines, weil es eine Ego-Tätigkeit ist, die ich mit höchstens einer weiteren Person geniessen kann? Ok, der letzte Punkt spricht ja wohl dafür.
3.2.23: Herzrasen, Tag und Nacht. Unter Starkstrom und sehr erledigt. Oh mein wildes Herz.
Wisst ihr noch, als wir dachten, ü30-Partys sind für alle Menschen? Jetzt warte ich sehnlichst darauf, dass ich endlich der Wandergruppe ü65 beitreten kann. Ich studiere ihr Wanderprogramm immer genau, wenn es im Anzeiger beiliegt. Genau mein Tempo. Und wahrscheinlich würde ich an dem Wandertag dann im Bett bleiben und denken: Ich wäre eine super Tatort-Leiche. Denn Junge, was kann ich liegen.
15.5.23: Scheiss-Lethargie. Zyklustag 18 – 21 voll depro. Zum Kotzen.
Ich denke zurück an Guatemala, ich war 24, und ging mit zwei Kanadiern klettern. 3-stündige, ruckelige Autofahrt, bis zu einem Felsen mitten in der Pampa. Sie wussten, was sie taten. Ich hatte keine Ahnung, aber viel Ehrgeiz. Und schaffte das Unmögliche: 15 Meter, gesichert, in dem mittelschweren Felsen, ohne Erfahrung, bis zur kleinen Plattform, die oben auf mich wartete. Was alles möglich ist, wenn dir zwei fesche junge Männer auf den Arsch starren. Oben wartete dummerweise noch etwas anderes auf mich: eine Paraponera clavata, auch Tropische Riesenameise genannt. Ihr extrem schmerzhafter Stich hat eine starke allergische Reaktion ausgelöst. Ob ich sowas nochmals erleben werde? Ich meine das mit den Jungs.
8.7.23: Koagel, gross wie halbe Fledermäuse. Plumps, flutsch, pflatsch. Zyklustag 2.
Und ich werde langsam wirklich erwachsen. Ich benutze jeden Tag Zahnseide. Und habe letzte Woche zum ersten Mal den Abfluss gereinigt. Ich habe Dinge gesehen da unten, für die ich nicht bereit war. Fremde Leute fragen mich für einen Austausch an. Die wollen mit mir reden, über alle möglichen Themen, von Homeschooling über Selbstständigkeit, Autorinnentätigkeit, bis zur perfekten Popcorn-Zubereitung. Wo ich früher (früher!) öfter bereit dazu war, verhalte ich mich jetzt wie mein Sternzeichen: Keinbock, Assistent Nein. Der wechseljahrbedingte Östrogenabfall highlightet den Egal-Faktor stark. Mached doch, waser wänd, und lönd mich in Rueh. Glück ist, wenn man mit Menschen, mit denen man absolut nichts zu tun haben will, absolut nicht zu tun hat.
13. 8.23: Ich will ein eigenes Zimmer. Einen Josianne-Raum. Zyklustag immer.
Ein Teil in mir schreit laut auf, wenn ich da so unzensiert schreibe. Das chasch doch nid mache, Josianne! Schliesslich bist du grundsätzlich eine Nette. Wohlwollend, gutherzig, menschenfreundlich. Semi-öffentlich, da gilt es, einen gewissen Anstand zu wahren. KLAR! Ich bin grundsätzlich kein Arschloch. Doch Leute, ganz ehrlich? Manche Menschen erregen mich so stark, dass mein Mittelfinger steif wird. Aber ich weiss auch nicht mehr, ob ich ein Wolf im Schafspelz bin, oder bloss noch ein Schaf im Wolfspelz.
8.1.24: Lots of crying, over silly shit, like romantic novels. Zyklustag 3.
Und jeder hier meint, ich überreagiere, wenn ich sauer bin. Oktopusse fangen an, sich selber aufzuessen, wenn sie aufgeregt sind. Das ist überreagieren. Aus der Küche wissen wir aber, dass Fett als Geschmacksverstärker dient. Ich wäre wahrscheinlich ziemlich fein, aber zum Glück kein Oktopus. Wäre zwar auch noch geil. Könnte 8-fach Watschen austeilen. Synchron.
13.3.24: Ich habe die letzten 2 Jahre den Bauch eingezogen, weil ich keine Wampe will. Fertig Schluss damit.
Vielleicht wäre es Zeit aufzuhören, mich wie ein Mikadostäbchen zu verhalten. Was für eine krasse Konditionierung: Nirgendwo ankommen. Ja niemanden und nichts erschüttern. Nichts aufrütteln, nichts bewegen, sonst könnte es eine Kettenreaktion auslösen, das Konstrukt fiele in sich zusammen. Stääbli rugelet dävo. Vielleicht auf einer Harley?
27.3.24: Ich gehe wieder in die Klavierstunde. Nach 23 Jahren. Go me!
Ich war immer stolz auf mein Namensgedächtnis. Es war ausgeprägt gut. Und jetzt? Ich treffe Menschen aus meinen Kursen, wir kennen uns, wir umarmen uns, verbringen Stunden miteinander, und beim dritten Mal Namen sagen denke ich: Noch nie gehört. Noch nie. Meine allgemeine Erinnerung an Situationen lässt mich auch gerade im Stich. Das gibt Unruhe in der Familie, weil es mich verunsichert. Wie herrlich nachtragend ich sein könnte, wenn nur mein Gedächtnis besser wäre.
Ich war auch stolz auf meine Rechtschreibung, auf meine schnelle Auffassungsgabe. Und jetzt? Jetzt kann ich nicht mal mehr richtig lesen:
«Erster Anlauf Masturbationsarbeit.» Häh? Ach, Masterarbeit.
«Porzellanräuber im Zürcher HB verbietet Bargeld.» Macht keinen Sinn. Ah. Polarzauber!
«Parmesan: Ewig unterschätzt, immer loyal.» Loyaler Parmesan? Oh. Parmelin!
Shitcity statt Sihlcity.
«5 Granaten-Fakten mit Rezepten zum Nachkochen.» Hm. Oh. Gratin.
«Es nehmen sich viele Menschen vor, besoffener oder effizienter zu werden.» Was? Belastbarer!
12.8.2024: Sichtung des ersten weissen Charmehaares.
All die pseudo-traurigen, ernsten und langweiligen Menschen gehen mir dermassen auf den Sack. Eigentlich gehen mir alle auf den Sack. Ich frage mich, ob Wolken manchmal zu uns runterschauen und denken: Lueg mal, dieser hier sieht aus wie ein Depp. Aber ich rege mich nicht auf. Die anderen regen mich auf. Alleine geht's nämlich.
14.12.24: Was ist mit meinen Geschmacksnerven los? Entweder versalze ich das Essen, oder es ist zu fad.
Zurück zum Sack. Ich bin jetzt in diesem Alter, in dem ich sowohl die Väter, als auch die Söhne, heiss finde. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Ich will Oberflächlichkeit, Spass, Leichtigkeit. Und es zerreisst mich fast vor Sehnsucht nach Tiefe. Bloody Ambiguität again!
Ich bin ein wandelnder Trauerkloss, Melancholie tief wie der Marianengraben, wie ich sie als Teenager empfand. Mich nerven die selbsternannt-erleuchteten Eso-süüferlis, die brandgefährliche Sätze äussern: «Tja wenn du immer krank bist, wenn deine Sehschärfe abnimmt, wenn dein linkes Knie wehtut, wenn du Ausschlag auf dem Ohräläppli hast, dann müsstest du vielleicht mal genauer hinschauen, was dir das sagen will-Faust-in-die-fresse-Leute.» Das kann mir jemand sagen, der mich persönlich kennt, und den ich um eine Einschätzung frage. Ich liebe schlechte Witze, die nicht korrekt sind, und kann nicht mehr aufhören zu lachen. Eine Elfe mit Krücken und einem Bein, die Überschrift: Stoppt den Handel mit Elfenbein. Und im Coop Bau + Hobby hat sich jemand mit 2,50 m langen Sockelleisten unter dem Arm in der Lampenabteilung gedreht. Das war schön.
15.1.25: Neues Wechseljahr-Feature: Sodbrennen. Mercidankä, das au na.
Ich kann momentan nicht gut mit Spontanität, sehne mich gleichzeitig nach mehr Abwechslung und Freiheit durch Spontanität. Aber wehe, man will mich überraschen, weiht mich nicht in Pläne ein oder entscheidet über meinen Kopf hinweg. Wenn ich an diesen Tagen meinen Charakter beschreiben müsste, wäre ich eine Miesmuschel, die nicht locker machen kann. Die Familie fragt, ob ich mitkomme in die Rollschuhdisco. Und ja, ein Teil in mir hat Lust darauf. Spass mit Glitzerjäckchen und Kaugummiblasen. Doch die Angst, auf den Sack zu fliegen und alle Knochen gleichzeitig zu brechen, ist zu gross.
2.2.25: Auf was warte ich eigentlich? Zyklustag 15.
Ich freute mich auf das Leben nach Tragetuch, Kinderwagen und Mamataxi. Wieder mehr Ausgang, und schicke Schuhe. Und was ist passiert? Ich ziehe mir Dokus über Gesundheitsschuhe rein, suche nach Beratungsterminen bei Orthopäden, weil meine Füsse immer wehtun. Huere Siech. Ich habe keine Worte dafür, wie extrem genervt ich davon bin, dass es mir tatsächlich besser geht, wenn ich früh aufstehe, ausgewogen esse und ab und zu Sport treibe. Blah blah, mein Körper ist ein Tempel. Einer von diesen antiken, griechischen. Diese eingestürzten.
16.6.25: Nur weil man es nicht anspricht, verschwindet es nicht.
Note to self: Wenn du dir Fülle wünschst, sei spezifisch. Sonst krallt sie sich an deinen Hüften fest. Wäre alles nur so einfach wie fett werden. Seit ich mir vorgenommen habe, das Leben wieder mehr zu geniessen, bekommt vieles ein ganz neues Gewicht. Ich zum Beispiel.
Mit meinen Schwestern kann man extrem gut lachen. Richtig, richtig fest. Von meiner ältesten Schwester stammt die Aussage, die ich als Kind nie verstanden habe: Än Schranz in Buuch lache. Das wird jetzt plötzlich Realität, weil ich drei Tage nach einem Lachanfall immer noch ein eingeklemmtes Zwerchfell habe.
27. 8.25: Wieder mal Fledermäuse, und richtig viel Blut. Toll. Nach drei sehr kurzen, ruhigen Mensen. Zyklustag 3.
Es gibt Phasen, da weine ich die ganze Zeit. Im Brassbandkonzert. Beim Lionel Richie-Song im Coop. Unter der Dusche. Weil mich ein 11-jähriger mit Trisomie 21 anstrahlt, und ich schon lange nicht mehr diese Art von purer Liebe gefühlt habe. In der Klavierstunde. In der Musicalaufführung der Kinder. Beim Geburtstagskartenschreiben für meine Eltern, die am gleichen Tag Geburtstag haben. Weil Mika Ostwind am Ende des Films in Andalusien zurücklässt, und ihm so die ultimative Liebe zukommen lässt, obwohl es ihr fast das Herz bricht. Wie die madagassische Frau Checker Toby im dritten Film anlächelt, die Güte auf ihrem Gesicht berührte mich wie schon lange nichts mehr. Tränen. Die. Fucking. Ganze. Zeit. Ich find's peinlich. Ich finds schön. Ich find's unnötig. Ich find's reinigend. Ich weine nicht, weil ich traurig bin. Ich bin einfach so fucking ÜBERWÄLTIGT! Easy erklärbar mit der ganzen Perimenopause-Hormon-Achterbahn, oder auch wenn Steve McGarrett vor mir stehen und mich um einen Tanz (hmm, ist das wirklich alles, was du von ihm willst?) bitten würde, aber bei der Schnulze der Guggenmusik, gespielt von 27 besoffenen, ekelhaften Typen? Echt jetzt?
20.12.25: Habe ich ein bisschen abgenommen? Wäre ja geil. Keine Waage.
Ich wünschte mir, die Wechseljahre würden sich anfühlen, wie abends den BH ausziehen. Ihr kennt das Gefühl. Momentan fühlen sie sich eher wie ein Nadelöhr an. Alles wird eng, inklusive der Kleidung. Sie sprechen davon, dass es auch eine Zeit der Kraft ist. Würde ich sogar unterschreiben. Ich fühle beides. Die Enge, die Kraft. Die Schönheit, das Schwere. Die Häutung, die Arbeit. Die Freiheit und die Anstrengung.
Wenn man einmal begriffen hat, wie unfassbar vieles überhaupt keine Rolle spielt, geht's eigentlich.

Hoi, ich bin Josianne,
die Frau hinter Quittenduft. Als Menstruationskundige und Zykluscoach gebe ich seit über 10 Jahren mein Wissen rund um den weiblichen Zyklus weiter. So auch hier auf meinem Blog, der dich dabei unterstützen soll, besser zu verstehen, was es mit dem zyklischen Leben auf sich hat. Mal nachdenklich, mal frech, mal superklug – aber immer bloody lesenswert.
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- Was es mit dem inneren Frühling und Sommer auf sich hat und was du in der ersten Zyklushälfte beachten darfst, damit du nicht ausbrennst und uf dä Felgä bei der nächsten Mens ankommst.
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- Wie du dich so durch den inneren Herbst und Winter navigierst, dass du die Zeit vor und während der Mens nicht mehr absitzt, sondern in Zukunft bloody good meisterst.
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